| |
Susanne Hinrichs,
Bremen
Zu den Biografien von Christiane
Fichtner "Was ich alles sein könnte"
Es ist schon bemerkenswert, wohin
einen das Leben führen kann.
Ausgehend von nur zwei Fixpunkten – dem Geburtsdatum und dem Beruf
als Künstlerin – lässt sich die Bremer Künstlerin
Christiane Fichtner Biografien auf den Leib schneidern, um diese anschließend
mithilfe eines Masken- und Kostümbildners und eines Fotografen
in Szene setzen zu lassen. Die bisher 20 verschiedenen Lebenswege, die
Christiane Fichtner hätte beschreiten können, zeugen von einer
atemberaubenden Vielfalt, was das Leben zu bieten hat. Weltenbummlerin,
Drogenabhängige, berühmte Modedesignerin oder homosexuelle
Feministin – die Autoren beweisen einen enormen Erfindungsreichtum.
Ob als Diplomatentochter in Tokio, als Kind einer deutschen Auswandererfamilie
in Sao Paulo oder in eine gutbürgerliche Hamburger Anwaltsfamilie
geboren, geht Christiane Fichtner faszinierend viele fiktive Wege, die
konsequenterweise in einem Kunststudium enden oder dieses zumindest
versuchsweise streifen.
Oftmals beschreiten diese Lebensentwürfe Umwege, die an ein zweifelhaftes
Ziel führen. Nicht immer geht das erfundene Finale glücklich
aus. Die Protagonistin endet im Suff, begeht Selbstmord oder landet
in einer psychiatrischen Einrichtung. Doch auch glückliche Ausgänge
wissen die Autoren zu konstruieren. So lebt Christiane nach langen Entbehrungen
endlich unbeschwert mit einem gewissen Nick in London. Sie ist eine
berühmte und hochgeschätzte Regisseurin geworden oder hat
auch nur für sich selbst eingesehen, dass das Leben Höhen
und Tiefen bereithält, unberechenbar bleibt bis zum Schluss und
eben gelebt werden muss. Auch diese Erkenntnis kann Glück bedeuten.
Im Jahre 2004 beginnt Christiane Fichtner dieses Projekt mit ihrer eigenen,
real existierenden Biografie und beweist fortan ein großes Vertrauen
in die verschiedenen Autoren, welche sie nicht zwangsläufig kennt.
Sie nimmt sich vor, jede ernst gemeinte Biografie in Text und Bild umzusetzen
und in die Serie aufzunehmen. Dabei steht ihr jedesmal ein neues Team
zur Seite, welches seinerseits ein großes Potenzial an Kreativität
aufweist, Bilder zu den Lebensentwürfen zu entwickeln.
Die literarische Qualität der niedergeschriebenen Lebensläufe
reicht von knappen tabellarischen Aufstellungen, über poetische
Erinnerungsarbeiten, Interviews oder in der Ich-Form geschriebene Selbstdarstellungen,
die über die Gegenwart hinaus bis in das Jahr 2014 reichend eine
fiktive Zukunft beschreiben.
Fast willenlos scheint die Künstlerin sich dem auszusetzen. Doch
das ist sie bei weitem nicht. Jede Person verkörpert Christiane
Fichtner selbst. Dabei beweist sie eine verblüffende Wandlungsfähigkeit
und gibt den Bildern durch ihre präsente Ausstrahlung Stabilität
und Glaubwürdigkeit.
|