Biografie 019
Biografie Christiane Fichtner
Wie bin ich Künstlerin geworden?
Eine schwere Frage. Bin ich es geworden? Oder schon immer gewesen, bloß nicht gewusst? Bin ich Künstlerin? Manchmal denke ich, ich bringe einfach heraus, was in mir gereift ist. Und wenn der Rest der Welt das als Kunst bezeichnen vermag, soll es auch so sein. Bin überhaupt ich diejenige, die schafft, oder schaffen die Ideen, Farben, Formen durch mich den Weg heraus, um Gestalt anzunehmen, um Teil der objektiv wahrnehmbaren Realität zu werden? Und letztlich, die Frage nach dem „Wie“? Ist man Künstler schon im Mutterschoß, und lebt man das schicksalhaft und leidenschaftlich aus, schafft aus einer Unmöglichkeit, nicht zu schaffen? Oder kann man es durch Übung und Geduld erlernen? Entdecke ich Künstler in mir durch ein Ereignis – ein Leiden, ein Glück? Wenn ich zurückschaue, denke ich, es war von allem etwas, aber niemals eindeutig oder einfach.
Die Kunst war immer Teil meines Lebens. Ach, wie bewunderte ich sie alle –
Musiker, Dichter, Fotografen, Maler. Sie waren für mich die Priester
im heiligen Tempel, gesegnete und verfluchte Wesen, die Zugang zu anderen
Welten haben, die Sklaven eigener Genialität sind und höchste Freiheit
genießen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen zu wagen, nur
daran zu denken, eine Künstlerin werden zu wollen. Schon die bloße
Existenz eines Michelangelo hätte mich an der Frechheit gehindert, einen
Meißel in die Hand zu nehmen.
Außerdem verstand ich mich als jemand von der anderen Seite der Leinwand,
als Objekt der Kunst. Bewundernder Blick eines Ästheten war nicht selten
Anfang einer Zusammenarbeit, einer Freundschaft, einer Liebesgeschichte. Meine
große Jugendliebe kam einmal glücklich und aufgeregt mit einem
Bilderband über Rodins Schaffen, worüber er gerade ein Referat schrieb.
Er zeigte mir die große schwarzweiße Abbildung von Rodins „Danaide“
und erklärte mit strahlenden Augen: „Das bist du. Das ist dein
Ohr, deine Hüfte.“
Ich schenkte gerne meine Zeit und Freundschaft diesen netten Verrückten
und bekam die leidenschaftlichen Gedichte und Lieder. Stand Modell und man
schenkte mir nachher schöne Bilder oder Fotos. Ich wurde nicht eitel,
nur glücklich, dabei zu sein.
Was kam und alles veränderte, scheint mir ziemlich banal, fast lächerlich.
Mein damaliger Freund war nicht nur Künstler, sondern auch ein sehr naturbewusster
Typ. Die Natürlichkeit war die oberste Maxime. Sein Kopf und (sein Schaffen)
seine Werke waren voll davon. Nach den mehrmonatigen Diskussionen über
die Unnatürlichkeit (sprich die größte Sünde) der Pille,
von der er meinte, meine Uni-Freundinnen würden auf die Barrikaden gehen,
sollte man die verbieten, gab ich auf. Ich wollte keine widerliche Pille schluckende
Frau sein. Ich ließ mich auch vollends über die fatalen Folgen
der Pille auf den Frauenorganismus aufklären. Außerdem war ich
gerade mittendrin in meinem vernünftigen Jurastudium, so dass freie naturgebundene
Ansichten eines Künstlers, noch dazu meines Freundes, doch sehr ansteckend
waren. Also, ich setzte die Pille ab. Bald danach auch den Freund. Ich war
doch zu zivilisiert.
Die Entscheidung war vernünftig und gut, tat aber trotzdem weh (war auch
natürlich, oder?). Aber es war nicht nur Herzensschmerz, was kam, sondern
ich begann die Farben ganz intensiv zu sehen. (Sollen die Ärzte doch
ihr Recht behalten, dass die Pille sich auf die Empfindungen der Frau dramatisch
auswirken könnte.) Wie soll ich das erklären? Beim ersten Mal, als
es mir bewusst wurde, war ich beim Abspülen. Da dachte ich plötzlich,
dass ich dieses Spülmittel – obwohl schon immer sehr orange –
noch nie so orange gesehen hätte. Ich fragte meine Mitbewohnerin. Sie
meinte, es wäre nicht orangener als sonst. Für mich aber schon.
Ich dachte tagelang darüber nach: Es war einfach ein unglaubliches Orange...
Eine Farbe, wie man sie im Traum sieht... Eine lebendige Struktur voller Nuancen
und Bewegung. Und mit Orange hörte es nicht auf. Die nächste Farbe
war Grün. Ein Grün, was ich zwar sehr mochte, aber niemals als etwas
so Intimes, Aufregendes empfunden hatte, bekam plötzlich solche Intensität,
dass ich mich einfach überwältigt fühlte, wie verschieden Grün
sein kann. Ich konnte Stunden im Wald verbringen. Einfach von einem Baum zum
anderen gehen, von einem Strauch zum anderen. Tausende Grüns, jedes einzelne
wie ein Pfeil in mein Herz. Und so zeigten sich alle Farben, eine nach der
anderen, jeden Tag. Ich wusste nicht, wie blau die Augen sein können,
wie braun die Erde, wie schwarz die Nacht. Und da, berauscht von meinen Entdeckungen,
lernte ich mein erstes Künstlerproblem kennen: Keiner verstand mich.
Irgendwann wurde es auch peinlich, darüber zu erzählen. Aber die
Farben lebten in mir weiter, erzählten ihre Geschichten, zeigten sich
in neuen Tiefen, blitzten mit ersten Sonnenstrahlen auf, wurden verführerisch
und schwer in der Dämmerung. Da gab ich wieder auf. Es gab gerade bei
Lidl ein Maler-Set im Angebot, und ich kaufte es: Farben, Pinsel, Leinwand,
Staffelei. Ohne Ambitionen, nur mit Hoffnung, auf dem Papier das hinzubekommen,
was meine Augen sahen. So fing es an: erste Versuche, erste Kritiken, erste
gute Kritiken, erstes verkauftes Bild, erste Ausstellung. „Die farbenfreudigste
Künstlerin Deutschlands“ stand im letzten Artikel. Nun, mein Leben
ist wirklich voller Farben.
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