Archivtext September
2007
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Michael
Schultze,
Berlin
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Christiane
Fichtner „Biografie“
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deutsch :::
english
Eine Biographie, als protokollierende Aufzählung eines gelebten Lebens,
ist die perfekte bürokratische Form, dampft sie doch das Leben ein auf
die für die Sozialität notwendigen Stationen. Die Biografie, als
CV immanenter Bestandteil unserer aller
Leben, ist somit sowohl perfekte Liste als auch der Roman der Auslassungen
jenes Lebens, das in ihr eine Form findet.
Christiane Fichtners kollaboratives Projekt „Biografie“ verrätselt
und untersucht diesen Tragpfeiler der zeitgenössischen Gesellschaften
(keine Bürokratie, keine Arbeitswelt, kein künstlerischer Erfolg
ist denkbar ohne diese kurzen Zeilen auf einem DIN A4 Blatt...), in einem
Verfahren, das selbst mit der Problematik der Identität und der Zuschreibung
derselben spielt: Sie kollaboriert mit Spezialisten der Identitätsherstellung:
Ein Zitat aus ihrer eigenen Beschreibung macht das deutlich: „
Ein Autor erfindet eine Biografie. Der Kostümbildner erhält den
Text und entwirft Kleidung für die beschriebene Person. Der Maskenbildner
unterstützt die Arbeit mit der Modellierung der Charakterzüge. Text,
Kostüm und Maske sind die Basis für das Portrait, das der Fotograf
am Ort seiner Vorstellung inszeniert. 60 Personen haben an diesem Projekt
bisher mitgearbeitet.“.
So stellen sich – in bester konzeptioneller Tradition – nicht
nur die (viel gestellten) Fragen nach der Identität, die man vielleicht
besser formuliert als die Fragen nach den Möglichkeitsformen eines Lebens
in den geregelten spätkapitalistischen Gesellschaften, sondern auch die
Problematik des Autors (inklusive seiner eigenen Biografie) wird listig ausgestellt.
Diese fiktiven Biographien – präsentiert als auf annähernd
Lebensgröße aufgeblasene Fotografien mit korrespondierenden Texttafeln
– zeigen alle die Künstlerin, sie sind Fiktionen eines kollaborierenden
Teams, das eigens für diese Biographie zusammengestellt wurde. Wie bei
der Produktion eines Films entwerfen die verteilten Rollen der Produzenten
(Autor, Fotograf, Maskenbildner etc.) ein gereinigtes und perfektioniertes
Bild einer jungen Frau mit einer Geschichte, die so hätte stattfinden
können, jedoch niemals stattgefunden hat. Da alle Lebensläufe selbst
erzählte Fiktionen sind, mit nachweisbaren Eckpunkten in Institutionen
wie Schule, Ausbildung und Arbeitsstätten, blicken wir in die Tableaus
eines vielfältig gebrochenen und zersplitterten Spiegels, in dem jeder
einzelne biographische Moment ein Körnchen Wahrheit enthalten könnte
(doch was heißt schon Wahrheit in Bezug auf alle diese erzählten
und aufgelisteten Biographien). Viele mögliche Leben, viele mögliche
Niederschriften des Gewordenseins. Jedes Bild die Variable eines Möglichen.
Dieser Spiegel spiegelt alles Erdenkliche – nur eines nicht: das eigentliche
Leben der Künstlerin. Dieses Projekt Christiane Fichtners, das sich kritisch
mit Identitätsbildung und ihrer Formatierung auseinandersetzt, hört
(nämlich) keinesfalls bei den ausgestellten Ergebnissen ihrer kollaborativen
Tätigkeit auf. Das Spiel der Masken wird auch ausgedehnt auf die entscheidende
wertschöpfende Maßnahme des Kunstbetriebs: die Künstlerbiographie
und ihre Bewertung. Hinter dem Deckmantel der fiktive Biographien erzeugenden
Künstlerin fiktionalisiert sie (ganz in der Tradition einer reflexiven
Moderne Marcel Duchamps und der Konzeptkunst stehend) ihre eigene Biographie.
Der künstlerische Werdegang wird dem gleichen Spiel mit Möglichkeitsfeldern
unterworfen wie die anderen Arbeiten der Künstlerin, ein mutiger Akt
der Überprüfung einer künstlerischen Praxis an der Realität.
Eine raffinierte letzte Volte, ein Spiel das auch hier nicht so ganz klar
ist: Vielleicht zeigt uns die Künstlerin, mit dem finalen Aufziehen des
Vorhangs der Verstellungen (nun sich selbst vertretend), als letzten verschmitzten
Dreh doch ihre eigene Geschichte als wirklich
geschehene?