Archivtext November
2007
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Susanne
Hinrichs,
Bremen
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Zu den Biografien von Christiane
Fichtner
"Was ich alles sein könnte"
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Es ist schon bemerkenswert, wohin einen das Leben führen kann.
Ausgehend von nur zwei Fixpunkten – dem Geburtsdatum und dem Beruf als
Künstlerin – lässt sich die Bremer Künstlerin Christiane
Fichtner Biografien auf den Leib schneidern, um diese anschließend mithilfe
eines Masken- und Kostümbildners und eines Fotografen in Szene setzen
zu lassen. Die bisher 20 verschiedenen Lebenswege, die Christiane Fichtner
hätte beschreiten können, zeugen von einer atemberaubenden Vielfalt,
was das Leben zu bieten hat. Weltenbummlerin, Drogenabhängige, berühmte
Modedesignerin oder homosexuelle Feministin – die Autoren beweisen einen
enormen Erfindungsreichtum. Ob als Diplomatentochter in Tokio, als Kind einer
deutschen Auswandererfamilie in Sao Paulo oder in eine gutbürgerliche
Hamburger Anwaltsfamilie geboren, geht Christiane Fichtner faszinierend viele
fiktive Wege, die konsequenterweise in einem Kunststudium enden oder dieses
zumindest versuchsweise streifen.
Oftmals beschreiten diese Lebensentwürfe Umwege, die an ein zweifelhaftes
Ziel führen. Nicht immer geht das erfundene Finale glücklich aus.
Die Protagonistin endet im Suff, begeht Selbstmord oder landet in einer psychiatrischen
Einrichtung. Doch auch glückliche Ausgänge wissen die Autoren zu
konstruieren. So lebt Christiane nach langen Entbehrungen endlich unbeschwert
mit einem gewissen Nick in London. Sie ist eine berühmte und hochgeschätzte
Regisseurin geworden oder hat auch nur für sich selbst eingesehen, dass
das Leben Höhen und Tiefen bereithält, unberechenbar bleibt bis
zum Schluss und eben gelebt werden muss. Auch diese Erkenntnis kann Glück
bedeuten.
Im Jahre 2004 beginnt Christiane Fichtner dieses Projekt mit ihrer eigenen,
real existierenden Biografie und beweist fortan ein großes Vertrauen
in die verschiedenen Autoren, welche sie nicht zwangsläufig kennt. Sie
nimmt sich vor, jede ernst gemeinte Biografie in Text und Bild umzusetzen
und in die Serie aufzunehmen. Dabei steht ihr jedesmal ein neues Team zur
Seite, welches seinerseits ein großes Potenzial an Kreativität
aufweist, Bilder zu den Lebensentwürfen zu entwickeln.
Die literarische Qualität der niedergeschriebenen Lebensläufe reicht
von knappen tabellarischen Aufstellungen, über poetische Erinnerungsarbeiten,
Interviews oder in der Ich-Form geschriebene Selbstdarstellungen, die über
die Gegenwart hinaus bis in das Jahr 2014 reichend eine fiktive Zukunft beschreiben.
Fast willenlos scheint die Künstlerin sich dem auszusetzen. Doch das
ist sie bei weitem nicht. Jede Person verkörpert Christiane Fichtner
selbst. Dabei beweist sie eine verblüffende Wandlungsfähigkeit und
gibt den Bildern durch ihre präsente Ausstrahlung Stabilität und
Glaubwürdigkeit.